Tiefgänger: Weshalb geistlich reife Menschen der Schatz einer Gemeinde sind - und wie man sie finden und aufbauen kann

Von: Gordon MacDonald

Für eine Gemeinde sind Tiefgänger ein größerer Schatz als ihr Verkündiger, ihr bestes Prgramm oder ihre fitteste Anbetungsband.

Dringend gesucht: Tiefgang

Seit einiger Zeit verwende ich die Wendung „aus der Tiefe leben“, wenn ich auf einen gereiften Glauben zu sprechen komme. Diese Bezeichnung stammt von Richard Foster. Er schreibt: „Was wir heute am Nötigsten brauchen, sind nicht noch mehr intelligente und begabte Leute, sondern mehr Menschen, die aus der Tiefe leben.“ Oder eben: „Tiefgänger“, wie ich sie hier mal abgekürzt nennen will.

Wie aber kann ein Nachfolger Christi heute aus der Tiefe leben – in einer Zeit unendlicher Optionen, Ablenkungsmanöver und widersprüchlicher Wahrheiten, die auf die Seele einstürmen? Wie kann ein Mensch aus der Tiefe leben, der sich mühsam durch eine 50- oder 60-Stunden Arbeitswoche kämpft, durch Schultermine, Einkäufe, Beziehungsstress, Wäscheberge, Familienverpflichtungen und – nicht zu vergessen – ein forderndes Leben in seiner Gemeinde? Ketzerisch gefragt: Ist es überhaupt realistisch, jenseits eines Klosters so etwas wie Tiefgang zu erwarten?

Um darauf zu antworten, müssen wir klären, was mit „aus der Tiefe leben“ gemeint ist. Hier meine Definition: „Menschen, die aus der Tiefe leben, richten ihr Leben auf Jesus aus: Auf seinen Charakter, seinen Ruf zu einem dienenden Leben und auf seinen Kreuzestod zur Vergebung ihrer Sünden. Ihre Fähigkeiten und Gaben mögen sehr unterschiedlich aussehen, aber ein Mensch mit Tiefgang ist immer jemand, der andere zur Nachfolge ermutigt, zum Wachsen in der Christusähnlichkeit und zum treuen Dienst für ihn. Menschen mit Tiefgang lieben die Welt und können sich auf andere einlassen, ohne ihr geistliches Leben dabei preiszugeben. Sie sind bekannt für ihre Weisheit, ihr Mitgefühl und ihre Ausdauer in schwierigen Zeiten.“

Kernaufgabe für den größten Schatz

Ich bin der Überzeugung, dass Menschen mit Tiefgang der größte Schatz der Kirche sind. In der jüngeren Vergangenheit haben viele Kirchen sich besonders um Suchende, Jugendliche und Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten gekümmert. Ja, gesunde Gemeinden tun das. Fehlt einer solchen Kirche aber ein fester Grundstock an Tiefgängern, dann hat sie ein Problem. Denn Menschen mit Tiefgang entstehen nicht zufällig, sie werden absichtsvoll ausgebildet. Ich behaupte sogar: Für eine Gemeinde sind Tiefgänger ein größerer Schatz als ihr Verkündiger, ihr bestes Programm oder ihre fitteste Anbetungsband! Höre ich da jemanden mit den Zähnen knirschen?

Wenn das alles wahr ist, ergibt sich daraus folgender Grundsatz: Ein großer Teil der Tiefgänger einer Gemeinde sollten Ehrenamtliche sein. Ganz normale Gemeindeglieder, deren Alltag in der Geschäftswelt, in der Schule oder einem Handwerksbetrieb stattfindet.

Gemeindeleiter sollten wissen, wer in ihrer Gemeinde solch einen Tiefgang hat. Und sie sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie ihren Leitungsdienst so gestalten können, dass das kontinuierliche Hervorbringen von Tiefgängern jeden Alters zu einer ihrer höchsten Prioritäten wird. Kirchen sollten dieses Anliegen zur Kernaufgabe ihrer leitenden Pfarrperson erklären.

Welche Folgen hätte das? Wie wäre es, wenn es im ersten Abschnitt der Stellenausschreibung heißen würde: „Die erste Priorität unserer Pfarrperson besteht darin, die geistliche Entwicklung der gesamten Gemeinde zu fördern. Sie bildet darüber hinaus jedes Jahr eine bestimmte Zahl von Frauen und Männern aus, damit diese in und außerhalb der Gemeinde geistliche Leiterscha ausüben können. Die Pfarrperson legt darüber gegenüber dem Kirchenvorstand regelmäßig Rechenschaft ab.“

Weshalb uns Tiefgänger fehlen

Es sind zwei Entwicklungen, die mich auf diese Gedanken bringen. Erstens vermute ich, dass viele Kirchen, wenn überhaupt, nur noch wenige wirklich tiefe Menschen hervorbringen. Irgendetwas läuft hier schief. Das hat unter anderem die REVEAL-Studie der Willow-Creek-Association sichtbar gemacht. Die Erkenntnis: Bloßes Engagement in kirchlichen Programmen bringt keine reifen Christen hervor. Ich habe dazu meine eigene Untersuchung erstellt: Wo immer ich auf meinen Reisen hinkomme, stelle ich Pastoren die folgenden Fragen: „Wie viele Menschen mit geistlichem Tiefgang kennst du?“ Oft löst das eine Diskussion darüber aus, woran sich Tiefgang im Leben eines Menschen denn zeigt (siehe oben). Und oft kommt es zum Eingeständnis, dass es davon nur wenige gibt.

Heißt das, dass wir Menschen zu einer Art von Glauben auffordern, die gar nicht lebbar ist? Falls doch, meine nächste Frage: „Würdest du sagen, dass deine Gemeinde Tiefgänger hervorbringt?“ Dieser Frage folgt oft langes Schweigen. Manchmal fällt dann die Bemerkung zu irgendeinem Jüngerschaftsprogramm, das für eine gewisse Zeit recht gut funktioniert hat ... Meine dritte Frage: „Investierst du als Pastor persönlich Zeit, um Personen zu identifizieren und zu begleiten, die das Potential zu geistlichem Tiefgang haben?“ Hier folgt dann oft hilfloses Bedauern darüber, wie wenig Stunden eine Arbeitswoche hergibt ...

Manchmal bekomme ich auch ermutigende Antworten. Die meisten aber bestätigen meinen Eindruck, dass sich Pastoren vor allem auf Tätigkeiten konzentrieren, die Publikum anlocken (zum Beispiel predigen). Gleichzeitig ignorieren sie Aufgaben, die das Potential haben, Menschen mit Tiefgang hervorzubringen (zum Beispiel persönliche Begleitung oder Mentoring). Was aber, wenn Predigen eher selten Tiefgänger hervorbringt? Was, wenn Predigen sich primär dafür eignet, Menschen zu inspirieren, zu informieren und ihnen praktischen Rat mitzugeben – kaum aber zu mehr? Kein Zweifel: Predigen ist eine wichtige Aufgabe. Aber wenn die zentrale Herausforderung kirchlicher Leiterschaft darin besteht, Tiefgänger zu fördern – Menschen, die Paulus beschreibt als „verwurzelt, aufgebaut, gestärkt im Glauben, in dem sie gelehrt wurden und überfließend in ihrer Dankbarkeit“ – dann müssen wir neu überlegen, wie ein pastoraler Dienst aussehen könnte, der solche Menschen hervorbringt.

Chefsache und Kerngeschäft

Manche Leiter weisen mich darauf hin, dass große Gemeinden oft einen Angestellten für den Bereich „Jüngerschaft“ haben. In der Regel verbirgt sich dahinter die Zuständigkeit für das Kleingruppenprogramm. Da arbeiten oft sehr gute Leute. Dennoch hake ich hier manchmal nach: Wenn Tiefgänger zur obersten Priorität einer Gemeinde gehören, dann sollte diese Aufgabe nicht delegiert werden, sondern gehört in die oberste Führungsebene. Erst dann verstehen die Gemeindeglieder die Notwendigkeit von Menschen mit Tiefgang. Anders gesagt: Der Hauptpastor muss Tiefgänger zur Chefsache machen!

Vor Kurzem fragte ich mich: Wenn Jesus kirchliche Stellenanzeigen lesen würde – auf welche würde er sich bewerben? Die des Hauptpastors? Des Diakons? Des übergemeindlichen Bildungsreferenten? Des Geschäftsführers eines Gemeindeverbandes? Des Mitarbeiters in der Kinderarbeit? Die meisten Stunden des öffentlichen Wirkens Jesu fokussierten sich auf eine kleine Anzahl von Männern und Frauen. Unter seiner aktiven Begleitung wurden sie zu Menschen mit Tiefgang geformt, die am Ende fähig waren, eine Bewegung hervorzubringen, die bis heute existiert. Diese Aufgabe gehörte zum Kerngeschäft von Jesus – darin blühte er geradezu auf. Wie aber setzte er dieses Anliegen um? Gemeinsam Lückentexte ausfüllen oder Bibelkurs-Material durchgehen? Mittwoch abends inspirierende DVDs zeigen? Ich denke nicht.

Der rabbinische Weg

Um Menschen mit Tiefgang zu formen, ging Jesus den traditionellen Weg eines Rabbis. Wie aber formten damalige Rabbis das Leben ihrer Nachfolger? Es war ein grundlegend anderer Weg als unserer. Predigen etwa geschah im Dialog. Es wurden Geschichten erzählt. Ein Diskurs aus Fragen, Antworten und lebendiger Diskussion. Kaum vergleichbar mit den Monologen heutiger Verkündiger. Ich vermute, dass der Predigtstil von Jesus in einem heutigen Homiletikseminar ziemlich schlechte Noten bekäme. Welches Zeugnis soll man einem Verkünder ausstellen, dessen Zuhörerschar von mehreren Tausend auf 12 Personen schrumpft – eine Handvoll Männer, die darüber hinaus nicht gerade als überzeugende Vorbilder in Sache Treue glänzen?

Jesus schien mit leeren Sitzreihen recht gut umgehen zu können. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich vor allem auf die Zwölf und ihre Zukunft. Letztlich war er weniger ein Prediger als vielmehr ein Coach und Trainer dieser von ihm ausgesuchten Jünger. Wie er das anpackte, bezeichne ich gerne als den Königsweg im rabbinischen Ausbildungskonzept. Ich habe früher Jesus als Rabbi zu wenig Ernst genommen. Ich dachte, diese Rolle sei eher Zufall. Mittlerweile ist mir bewusst, dass man seinen Dienst erst dann richtig erfasst, wenn man ihn als Wanderrabbi versteht. Rabbis hatten die Zukunft im Blick: Ihre Absicht bestand darin, das Leben derer zu formen, die einmal ihre Mission bewahren und weitertragen sollten.

Wenn die größte Herausforderung von Gemeindeleitern das Hervorbringen von Tiefgängern ist, müssen wir verstehen, wie das gehen kann. Mit 30 verließ Jesus seine Zimmerei und wandte sich der Tätigkeit als lehrender Rabbi zu. Wanderrabbiner zogen von Dorf zu Dorf und veranstalteten dort seminarähnliche Treffen. Die damaligen Menschen liebten diese Zusammenkünfte. Man strömte zum durchreisenden Rabbi und hoffte auf ein Wunder oder spektakuläres Ereignis. Jeder umherziehende Rabbi vertrat eine bestimmte Interpretation der Thora. Man nannte die Summe ihrer Lehren ihr „Wort“ (darum die Formulierung bei Jesus „mein Wort wird niemals vergehen“) oder auch ihr „Evangelium“.

Die Jünger als Aushängeschild

Die Lehre eines Rabbis wurde ihm in der Regel von einem seiner Vorgänger und Lehrer übertragen. Das Auffälligste am Leben eines Rabbis waren die Schüler, die sich um ihn scharten. Sie bildeten eine kleine, sorgfältig ausgewählte Gruppe junger Männer, die ihrem Lehrer folgten. Manche Eltern unternahmen große Anstrengungen, damit der Sohn ins Lernprogramm eines Rabbis aufgenommen wurde (so wie heutige Eltern ihre Kinder an einer Topuniversität unterbringen wollen). Je mehr die Familie eines jungen Mannes in das soziale und religiöse Leben eingebunden war, umso besser standen die Chancen, von einem angesehenen Rabbi aufgenommen zu werden. Ein solches Arrangement klingt möglicherweise im Hintergrund mit, wenn Paulus über die Echt-heit seiner jüdischen Wurzeln schreibt: dass er „zu Füßen Gamaliels unterwiesen wurde“.

Mehrere Bibeltexte beschreiben, wie sich das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Jüngern gestaltete. Die Autoren der Evangelien setzen voraus, dass ihre Leser vertraut waren mit dem, was zu einem solchen Jünger-Auswahlverfahren gehörte. Zugleich war es ungewöhnlich, welche Art von Jünger sich Jesus aussuchte: Petrus etwa war in seinen frühen Tagen alles andere als ein „Fels“. Auch die Entscheidung, Leute wie Matthäus (ein regimetreuer Zöllner) oder Simon (ein regimefeindlicher Widerstandskämpfer) in seinen Kreis aufzunehmen, war ungewöhnlich. Heute würde kaum jemand eine solch schräge Truppe im gleichen Raum versammeln wollen. Und schon gar nicht etwas wie geistlichen Tiefgang von ihnen erwarten.

Wie aber schaffte es Jesus, dennoch Tiefgang ins Leben dieser Männer zu bringen? Drei Stichworte: Imitation, Information und Evaluation.

Imitation – Nachahmung:
Rabbischüler ahmten ihren Meister in allem nach. Sein Denken, Reden, seine Art zu essen. Ihr Ziel war es, eine möglichst identische Zweitausgabe ihres Rabbis zu werden. Er war für sie die fleischgewordene Thora und sie wollten, dass andere Menschen in ihnen das Beispiel dieses Rabbis wiedererkannten. Dieses Anliegen drückt Paulus aus, wenn er schreibt: „Ich will Christus kennen ... und seinem Tod gleich gestaltet werden.“ Kennen schließt das Gleichwerden mit ein.

Information – Lehre: Ein Rabbi lehrte manchmal im Tempel, meist aber außerhalb von Schulgebäuden. Unterwegs auf dem Weg, auf Feldern, Marktplätzen oder am Seeufer. Das Alltägliche diente ihm zur Veranschaulichung seiner Lehre. Alle wichtigen Wahrheiten wurden in Geschichten, Rätsel oder Merksprüche verpackt, die das Denken der Jünger schärfen und herausfordern sollten. Es war üblich, dass Rabbis manche Fragen zur praktischen Schlussfolgerung offen ließen. Auch Jesus erzählte Geschichten ohne immer gleich Klarheit über deren Anwendung zu geben. So, als wollte er sagen: „Denkt darüber nach und findet es selbst heraus!“

Evaluation – Überprüfung:
Rabbis unterzogen ihre Jünger von Zeit zu Zeit einem Test. Denken Sie an Jesus: Den Sturm, die Speisung der Fünftausend, den Verrat im Garten Gethsemane – alles Prüfungen. Als der Sturm gestillt ist, hören wir Jesus sagen: „Wo ist euer Glaube?“ – Oder, während er auf die bei ihm versammelten Menschen zeigt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Und im Garten: „Ihr werdet mich alle verlassen.“ Manchmal wies er sie zurecht: „Geh hinter mich, Satan!“ Er stellte Fragen: „Was habt ihr unterwegs miteinander besprochen?“, gab ihnen Aufgaben: „Er sandte sie aus, das Reich Gottes zu predigen ...“

Wenn ein Rabbi befand, die Ausbildung sei abgeschlossen, entließ er seine Jünger. So auch Jesus: „Ich nenne euch nicht länger meine Knechte, ihr seid nun meine Freunde.“ – „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“ – „Ihr werdet größere Dinge tun als ich.“ – „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ – „Geht hin in alle Welt und tragt hinaus, was ich euch gelehrt habe.“ Nach diesen Worten verließ er sie. Seine Worte waren in ihr Gedächtnis gebrannt, sein Geist in ihre Herzen – Jesus war ein Meister darin, Menschen mit Tiefgang hervorzubringen. In drei Jahren wurden diese zwölf Männer Tiefgänger. Oder besser: elf von ihnen ...

Wie können wir tun, was Jesus tat?


1. Wir müssen unsere Hauptaufgabe kennen.
Beschränkt sich unser Fokus darauf, Menschenmengen anzuziehen? Oder besteht er darin, Menschen hervorzubringen, die Jesu Anliegen verkörpern und weitertragen? Menschen in die Tiefe zu führen, wird selten zu rasantem Gemeindewachstum führen, aber es legt das Fundament für einen starken, nachhaltigen Dienst.

2. Wir dürfen sie nicht delegieren.
Dem Hervorbringen tiefer Menschen muss sich die oberste Führungsetage einer Organisation persönlich annehmen. Können Sie sich vorstellen, dass Jesus sein Ziel erreicht hätte, hätte er zu seinem Cousin Johannes gesagt: „Du wirst Leiter meines Jüngerschaftsprogramms! Du lehrst die Zwölf – ich kümmere mich um Groß-Events, kläre die Vision, sorge für die Finanzen und vernetze mich mit den Schlüsselpersonen im Tempel“?

3. Wir senden ein klares Signal an die Gemeinde.

Die Gemeinde soll erkennen, dass das Fördern von Tiefgängern die wichtigste Funktion der Kirche ist. Sie soll verstehen, dass Pfarrpersonen dafür Rechenschaft ablegen müssen, ob sie diesem Mandat nachkommen oder nicht.

4. Der Strategie von Imitation, Information und Evaluation folgen.
Zugegeben, so etwas in einer Gemeinde zu verankern, braucht viel Zeit. Es kann bedeuten, dass die leitende Pfarrperson zum Kirchenvorstand sagt: „Ich werde jedes Jahr 20 Prozent meiner Zeit in das Leben von 12–15 Personen investieren. Und ich brauche eure Rückendeckung, wenn Fragen kommen, warum ich nicht bei allen Gemeindeveranstaltungen anwesend bin.“
Die rabbinische Art des Prägens erfordert auch Treffen und Retraiten, die außerhalb der Gemeindegebäude stattfinden. Die Wohnung des Pastors kann ein guter Ort sein. Oder das Alltagsumfeld der teilnehmenden Personen. Jedes Umfeld, in dem man über Wachstum lehren, es veranschaulichen und überprüfen kann, ist geeignet.

5. Wir lassen es uns etwas kosten
Hier geht es nicht um Finanzen, sondern um eine persönliche Investition. Rabbis sind nicht immer nette Kerle. Sie erhöhen ständig das Herausforderungs-Level ihrer Jünger. Sie scheuen sich nicht, ihr persönliches Leben vor ihnen zu öffnen und wagen es, sich ins Leben ihrer Jünger einzumischen. Sie wissen, wie sie aus anderen das Beste herauskitzeln können. Menschen mit Tiefgang hervorbringen ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Investieren und freigeben
Paulus hatte das rabbinische Modell im Kopf, als er an Timotheus schrieb: „Was du von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die wiederum fähig sind, andere zu lehren.“ Und weiter: „Geh darin mit deinem Beispiel voran: in deinen Worten (was und wie du etwas sagst …), in deinem Leben (wie du dein Leben führst …), in deiner Liebe (die Qualität deiner Beziehungen …), im Glauben (wie du Gott vertraust …) und in deiner Reinheit (deinen moralischen Entscheidungen …)“ Das alles ist rabbinischer Sprachgebrauch. „Gebiete, weise zurecht, ermahne!“ Ebenfalls rabbinisch. Timotheus Aufgabe war es, Menschen zu geistlicher Tiefe zu führen.

Ein letzter Gedanke: Es geht in unserem Fall natürlich nicht darum, dass Menschen unsere Jünger werden – sie sollen Jünger von Jesus werden! Ein Rabbi investiert in den Tiefgang von Menschen, die ihm nicht gehören. Jünger sind nicht dazu da, dass man sie missbrauchen oder beherrschen kann. Sie gehören Jesus. Er hat alle Freiheit, aus ihnen Leiterinnen und Leiter für das Leben innerhalb der Kirche oder außerhalb zu machen – die Gebiete können ganz unterschiedlich sein. Den größten Schatz der Kirche – geistlich reife Menschen mit Tiefgang – soll man großzügig teilen, weiterreichen und aussenden.

Wofür betete Jesus im Garten Gethsemane kurz vor seiner Festnahme? Er betete für diejenigen „die du mir gegeben hast. Ich habe ihnen deinen Namen geoffenbart ... Ich habe ihnen dein Wort gegeben ... Ich habe sie ausgesendet.“ Er betete nicht für die große Masse seiner Zuhörer. Er betete für die Jünger, die er geformt und herangezogen hatte.

Es gibt auch in meinem Leben ein oder zwei solcher Rabbis, die mich durch diesen Prozess der Imitation, Information und Evaluation geführt haben. Manchmal waren sie mir gegenüber hart, manchmal feinfühlig. Sie sahen meine Gegenwart und meine mögliche Zukunft. Sie hatten ein Bild von dem vor Augen, was aus mir werden könnte und setzten darum alles daran, Tiefgang in mein Leben zu bringen. Inzwischen sind sie gestorben. Ich vermisse sie schmerzlich. Aber ich habe ihr „Wort“ und ich höre nicht auf, ihr Evangelium an andere weiterzugeben.

Gordon MacDonald
ist Pastor, Autor und Referent und lebt mit seiner Frau Gail in New Hampshire, USA.